Interview mit Martin Rodeck

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“Wir brauchen einen Raum, um uns zu begegnen

Ein gutes Büro funktioniert wie eine Wohnung, sagt Martin Rodeck, Executive Managing Director für Deutschland und Mitteleuropa bei der technologiegetriebenen Immobilienfirma EDGE. Hier erklärt er, welche Technologien es uns erlauben, das Büro neu zu erfinden.

Herr Rodeck, dank neuer Technik und neuen Arbeitsformen gibt es einen großen Trend zur ortsunabhängigen Arbeit. Braucht es eigentlich noch Büros?

Natürlich kann man heute „remote“ gemeinsam an Projekten arbeiten. Aber dennoch wird es immer Büros geben – oder besser: Arbeitsorte, in denen sich die Menschen begegnen können. Keine Technologie ersetzt die persönliche Interaktion, Gestik, Mimik, Haptik.

Menschen machen eigentlich nichts lieber, als sich über ihr Büro zu beschweren: die Kollegen, die spießigen Zimmerpflanzen, den Lärm. Wieso?

Firmen haben das Büro lange als eine reine Ressource gesehen. Deshalb sehen viele Büros so aus, wie sie eben immer aussahen: triste Farben, lange Gänge, kleine Einzelzimmer. Diese unpersönliche Atmosphäre macht unglücklich. Aber seit kurzem hat man den Einfluss, den der Büro-Raum auf die Qualität der Mitarbeitererfahrung und -leistung hat, verstanden.

Wie sieht denn ein guter Arbeitsraum Ihrer Meinung nach aus?

Die besten Büros bieten Flexibilität und ermöglichen ganz unterschiedliche Arbeitsformen. Der Raum sollte Angebote für unterschiedliche Aktivitäten der Nutzer bieten. Eigentlich analog dazu, wie Wohnräume organisiert sind. Sie schlafen im Schlafzimmer, essen im Esszimmer, entspannen sich im Wohnzimmer, duschen im Badezimmer und lagern Dinge im Keller. Eine Wohnung ist der perfekte Blueprint für ein gutes Büro – weil sie mir verschiedene Angebote macht. Das sollte man auch innerhalb der Bürofläche abbilden. Da hilft es natürlich, wenn es außerhalb der Arbeitsfläche weitere Angebote in einem Gebäude gibt: Atrien, einladende Lobbys, Sportstudio, Gastronomie und ziemlich sicher optimale Mobilitätsangebote. Mit so einem Büro macht man sich auch attraktiv für umworbene Talente. Das Büro als Teil des Employer Brandings.

Meinen Sie damit, dass Firmen ihr Foyer zu einem öffentlichen Ort machen sollten?

Das Schlimmste ist für mich ein Gebäude, in dem man sofort gegen einen Empfangstresen rennt, womöglich kombiniert mit einer Vereinzelungsanlage oder Sicherheitsschleuse. Wo Sie schon als Besucher merken, dass Sie gar nicht erwünscht sind. Also ich ertappe mich oft dabei, dass ich in fremden Städten gerne in schöne Gebäude gehe, weil die Lobbys einladend sind und man spürt, dass man willkommen ist. Das hat was mit Farben zu tun und den Angeboten, die der Raum mir macht. Und wenn es nur ein Sofa ist oder eine Sitzecke, wo man sagt: „Ach, vielleicht könnte ich hier sogar einen Kaffee trinken“.

Geht es dabei vor allem um Interior Design?

Nicht nur. Natürlich will man als Firma zum Beispiel verhindern, dass Besucher ungesteuert durch das Hauptquartier rennen. Aber dafür braucht es heute keine Sicherheitsschleuse mehr im Erdgeschoss bzw. in der Lobby. Durch moderne Technologien kann man die Sicherheitsmechaniken auch in das Gebäude hinein verlegen.

Wie gehen Sie bei EDGE bei der Planung eines Bürogebäudes vor?

Erst kommt der Mensch, dann kommt der Raum und dann kommt das Gebäude. Uns ist aber auch wichtig, dass Innen- und Außenraum gut miteinander verbunden sind: Dass ein Gebäude durch Lobby, Atrien und die offene Architektur auch jenseits des Erdgeschosses einen Bezug zum Stadtraum hat. Die dritte, ganz wichtige Komponente ist die technische Nachhaltigkeit der Gebäudehülle. Wie wird solare Wärme gewonnen und Wärmeverlust durch die Fassade vermieden? Wir wollen ressourcenschonend bauen und die Gebäude ressourcenschonend betreiben. Denn die Energie- und CO2-Neutralität kommt nicht dadurch, dass man einfach nur irgendwelche Energie-Einsparverordnungen erfüllt, sondern man muss intelligent vorgehen.

Welche Technologien sind besonders spannend für sie?

Die Digitalisierung erlaubt es, die verschiedenen haustechnischen Komponenten wie Zuluft, Abluft, Trink- und Abwasser zu vernetzen. Die zweite wichtige Komponente ist die Sensorik. Sie müssen, um ein Haus optimal betreiben zu können und aus dem Betrieb für das nächste Projekt zu lernen, wissen, wie viele Menschen sich wann in diesem Gebäude aufhalten: Der Montag ist immer besonders voll, der Freitag ist immer besonders leer und im Sommer ist es anders als im Winter. Wo bewegen die Menschen sich? Warum bewegen die sich? Bewegen sie sich überhaupt? Wo ist es warm, wo ist es kalt? Wo ist es laut, wo ist es leise? Wo gibt es eine hohe CO2-Konzentration, die zu Ermüdungserscheinungen und Produktivitätsabfall führt?

Smart Buildings werden Standard: Wie wird sich das in Zukunft weiterentwickeln?

Der next step sind kognitive Gebäude, die Profile der Nutzer pflegen und daraus Vorhersagen auf deren Bedürfnisse ableiten können. Und man wird dann nicht mehr aktiv irgendeinen Schalter drücken auf seinem Smartphone und sagen, ich hätte es jetzt gerne ein bisschen dunkler. Sondern man kommt an seinen Arbeitsplatz am Freitag um elf Uhr, und das Haus stellt die Umgebungsvariablen entsprechend ein – wenn man es denn möchte.