Interview mit Holger Volland

Künstliche Intelligenz ist aus Technologie und Wirtschaft nicht mehr wegzudenken, sie nimmt aber auch zunehmend Einfluss auf kulturelle Bereiche unseres Lebens. Technik- und Kulturexperte Holger Volland beobachtet das kreative Potential von KI intensiv - mit großer Faszination und etwas Sorge. Am 21.11. wird er auf der Work Awesome-Bühne zu erleben sein – hier gibt´s die Tickets! Wir haben ihm vorab schon mal einige Frage gestellt.

Intelligente Maschinen und Software-Systeme können lernen, lesen, schreiben und aus riesigen Datenmengen eigene Schlüsse ziehen. Aber können sie auch Kunst?

Ein Künstler fühlt einen Auftrag, Kunst zu schaffen. Ganz im Gegensatz zu Maschinen. Man kann Kunst aber auch so begreifen, dass sie aus der Wahrnehmung jener entsteht, die sie rezipieren. So gesehen ist Künstliche Intelligenz durchaus in der Lage, etwas zu erzeugen, das man für Kunst hält. KI-Kreationen, ob Gemälde oder Musik, haben dieselbe emotionale Wirkung auf uns, wie menschliche Kreationen. Diese Macht der Maschinen wird von vielen Menschen noch unterschätzt. Wir stürzen uns auf Bereiche wie autonomes Fahren oder Mustererkennung in der Medizin, Künstliche Intelligenz beeinflusst jedoch auch zunehmend Kultur.

Welches Potential hat KI denn für die Kreativwirtschaft? Wo kann sie bereichernd sein?

Künstliche Intelligenz bietet eine riesige, faszinierende Vielfalt an neuen Ausdrucksmitteln. Sie kann Künstlern Flügel verleihen. Der Maler Roman Lipski aus Berlin befand sich vor einigen Jahren in einer Schaffenskrise, bis er sich mit dem Programmierer Florian Dohmen zusammentat. Dohmen hat eine Software darauf trainiert, Lipski neue Arbeiten vorzuschlagen – auf Grundlage seiner alten Werke. Diese wiederum malte Lipski nach. Lipski hat quasi sein kreatives Hirn ausgelagert und sich auf neue Weise inspirieren lassen. Es gibt aber auch Entwicklungen, die mir Sorge bereiten.

Welche wären das?

Was mich ein bisschen gruseln lässt, ist die manipulative Wirkung der KI-Kreationen. Bereits heute sind Werbeagenturen in der Lage, personalisierte Musik bei Anzeigen einzusetzen. Sie soll den Nutzer empfänglicher für bestimmte Botschaften machen. Wenn KI beginnt, Menschen persönlich zu manipulieren, dann werden für mich Grenzen überschritten. Auch wie KI in Unternehmen oder Organisationen eingesetzt wird, sehe ich teilweise kritisch. Oft wählen Maschinen Bewerber oder Kunden aus, um Entscheidungen vorzubereiten. Ich frage mich, wie selbstbestimmt wir dann noch handeln werden. Wir neigen nämlich dazu, dieses wahrscheinlichkeitsbasierte Vorgehen der KI schnell zu akzeptieren und dem System zu sehr zu vertrauen. Wir machen unsere Entscheidungen zunehmend von Wahrscheinlichkeiten abhängig. Damit verschließen wir uns aber anderen Möglichkeiten – spannenden Bewerbern zum Beispiel, die aus dem Raster fallen.

Wir könnten also Gestaltungsspielräume verlieren?

Letztendlich schon. Mir fällt mir auf, dass Unternehmen, die KI einsetzen, stets betonen, dass die letzte Entscheidung immer beim Menschen liege. Das halte ich für eine glatte Lüge. Ich bin mir sicher, dass kaum ein Mitarbeiter sich trauen würde, eine KI-Entscheidung in Fragen zu stellen. Wir müssen uns gut überlegen, wie wir uns ein Stück Autonomie bewahren.

„Wir müssen Entscheidungen von KI offenlegen und sie kritisch hinterfragen.”

Wie können wir uns denn auf eine Zukunft vorbereiten, in der KI zunehmend Einfluss nimmt?

Transparenz ist wichtig, das gilt sowohl für unseren Arbeitsalltag als auch für Kunst und Kultur. Wir müssen Entscheidungen von KI offenlegen und sie kritisch hinterfragen. Gleichzeitig sollten KI-Kreationen unbedingt kenntlich gemacht werden, damit wir besser mit potentiellen Manipulationen umgehen können. Zwischen menschlicher und maschineller Kunst zu unterscheiden – zum Beispiel – ist gar nicht so einfach. Ein Beispiel: Bei meinen Vorträgen zeige ich immer Bilder, die sowohl reale Gesichter zeigen als auch solche, die von KI geschaffen wurden. In 50 bis 60 Prozent der Fälle liegen die Leute falsch. Daran müssen wir arbeiten.

Holger Volland ist Vize-Präsident der Frankfurter Buchmesse und Gründer des digitalen Kulturfestivals THE ARTS+. Sein Buch „Die kreative Macht der Maschinen“ ist im Beltz-Verlag erschienen. Am 21.11. ist er auf der Bühne der Work Awesome zu erleben. Hier gibt es Tickets!